Studienprogramm – Erfahrungsberichte

Seminar „Weisheit und Mitgefühl“ – Stimmen und Berichte

Vom 6. bis 8. Oktober 2017 fand im Rahmen des Studienprogramms der DBU das Seminar „Weisheit und Mitgefühl – die beiden Flügel der buddhistischen Meditation“ mit den beiden Referenten Franz-Johannes Litsch und Ron Eichhorn im buddhistischen Zentrum Karma Chang Chub Chöphel Ling der Karma-Kagyü-Linie in Heidelberg statt. Hier folgen ein paar Auszüge aus ausführlicheren Feedbacks von Teilnehmern.

 

Kerstin Heusinger: „Wer weise handelt, handelt auch mitfühlend – wer mitfühlt, ist auch weise“

Franz-Johannes Litsch, Autor, Referent und Initiator des deutschsprachigen Netzwerks engagierter Buddhisten, der seit 18 Jahren Vipassana-Meditation praktiziert, leitete das Seminar gemeinsam mit Ron Eichhorn, einem Head Disciple der Yun Hwa Denomination und seit September Präsident der EBU (European Buddhist Union). Beide Referenten beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit unterschiedlichen Schwerpunkten mit der Lehre Buddhas. Sie erklärten die Aspekte Weisheit und Mitgefühl jeweils aus ihrer buddhistischen Tradition heraus: Franz-Johannes Litsch aus dem Pali-Kanon des Theravada-Buddhismus, Ron Eichhorn aus der Tradition des Cheontae-Buddhismus (Koreanisch für das chinesische Tientai).

Selbst seit zwei Jahrzehnten Übende auf dem Buddha-Weg, bin ich dem Buddhismus bisher vor allem aus der Perspektive der Praxis begegnet. Da ich die tatsächliche Tragweite und Wichtigkeit des Praktizierens als eine Methode um klar zu werden aber erst seit einem Jahr mit mehr Deutlichkeit erahne, wächst mein Wunsch, diesen Weg konsequent zu gehen, zunehmend. Wie Ron Eichhorn so schön erklärte: Wenn ich ein knuspriges Brötchen essen möchte, reicht es nicht, die Straße hinunter zu blicken, an deren Ende sich ein Bäckerladen befindet. Ich muss die Strecke bis dorthin Schritt für Schritt gehen, um das Brötchen selbst zu bekommen. Damit einher geht für mich das Bedürfnis, auch die Geschichte des Buddhismus und theoretische Hintergründe der Lehre Buddhas besser zu verstehen. Dafür bot das Seminar umfassend Gelegenheiten.

Wer weise handelt, handelt auch mitfühlend – wer mitfühlt, ist auch weise (Foto: Peter Hershey, Unsplash)

Besonders interessant fand ich, dass durch die unterschiedlichen Perspektiven der beiden Referenten ein sehr viel plastischeres Bild der erklärten Phänomene entstand. Auf einer weiteren Ebene wurde dabei anschaulich gezeigt, wie Weisheit und Mitgefühl im Hinblick auf divergente Auffassungen kultiviert und umgesetzt werden können. Immer wieder stellten wir fest, dass sich die Ansätze der Traditionen letztlich ergänzen; es wurden viel mehr Parallelen sichtbar, als Widersprüche.

Somit war das Seminar zudem ein lebendiges Beispiel für das Motto „Einheit in der Vielfalt“, einem von Buddha selbst begründeten Begriff. Im Laufe der Zeit und durch diverse kulturspezifische Hintergründe haben sich unterschiedliche Ansätze buddhistischer Praxis und Theorie entwickelt. In der Kernlehre des Buddha und im Hinblick auf das gemeinsame Ziel der Befreiung stimmen sie jedoch überein und können sich gegenseitig bereichern. Im Seminar „Weisheit und Mitgefühl“ begegneten sich – das tibetische Zentrum als Seminar-Ort inbegriffen – gleich drei verschiedene buddhistische Traditionen und traten in einen inspirierenden Dialog.

Auch zu Themen, die mich seit vielen Jahren beruflich beschäftigen, hat mir das Seminar wichtige Anregungen und Antworten gegeben, so zum Beispiel auf die Frage, wie man Kindern in Schule und Kindergarten nicht nur Wissen, sondern vor allem auch einen Geist der Weisheit vermitteln und nahe bringen kann. In meinen Augen besteht darin eine der größten Aufgaben unseres Jahrhunderts – Weisheit und Mitgefühl sind Grundvoraussetzung für ein friedliches Miteinander auf dieser Welt. Weisheit und Mitgefühl sind zwei grundlegende Begriffe der buddhistischen Lehre, die sehr eng miteinander verbunden sind. Tatsächliche Weisheit führt automatisch zu Mitgefühl, wahrhaftes Mitgefühl ist in Weisheit begründet. Wer weise handelt, handelt auch mitfühlend, wer mitfühlt, ist auch weise.

Der Buddhismus versteht unter Weisheit und Mitgefühl allerdings keinen philosophischen Begriff, sondern meint die Erkenntnis und Erlangung der „Absoluten Realtität“, die sich jenseits der individuell erfahrenen, bedingten, endlichen und von eigenen Konzepten verfärbten Realität befindet. Der Buddha spricht allen Menschen gleichermaßen das Potential zu, diese Wirklichkeit zu erkennen und zu erlangen, und gibt uns dafür zahlreiche Belehrungen und Anleitungen.

Diese Erkenntnis hat mich ganz besonders inspiriert. Ich würde Seminare wie dieses nicht nur Lehrern für Religion und Ethik, sondern vielmehr allen pädagogisch wirkenden Menschen nahe legen – damit tatsächliche Weisheit und Mitgefühl unsere Welt immer mehr durchdringen können.

 

Johannes Ibeling: „Die Seminarreihe ist ein Geheimtipp“

Lernen ist wichtig | Foto: 和 平 auf Unsplash

Die Studienreihe der DBU steht ja unter dem Aspekt ‚Wissen – Verstehen – Erfahren: Buddhistische Weisheit in der Vielfalt der Traditionen‘; genau das kam in diesem Seminar zum Tragen; es war interessant, so unmittelbar von Vertretern verschiedener Ansätze Vertrautes und Neues zu hören und dies dann im Rahmen der kleinen, schnell vertrauten Gruppe zu reflektieren und zu diskutieren. Diese Seminarreihe, ich darf es gar nicht laut sagen, ist ein richtiger Geheimtipp für all jene, die gerne ihr Wissen in Sachen Buddhismus erweitern möchten, und dabei den Blick über den Tellerrand der einzelnen Traditionen nicht scheuen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer und die beiden Dozenten (hinten Mitte) des Seminars