Editorial „BUDDHISMUS aktuell“ 1|2018

Editorial: Freiheit

Geht es um das Thema Freiheit, so sind innere und äußere Freiheit, innere und äußere Bedingungen gleichermaßen zu sehen, auch in ihrem Wechselspiel – betont BUDDHISMUS-aktuell-Chefredakteurin Ursula Richard in ihrem Editorial. Der Zeitgeist drängt uns zwar dazu, ein ganz und gar unabhängiges, abgetrenntes Selbst verwirklichen zu wollen, das alles in sich finden soll, was im Außen nur flüchtig und vergänglich zu haben ist. Doch das ist eine Illusion, denn wir existieren unlösbar verbunden mit und abhängig von anderen. Die Beiträge des Schwerpunktes beleuchten den schillernden Begriff der Freiheit aus verschiedenen Perspektiven.

 

Das neue Heft von BUDDHISMUS aktuell hat das Schwerpunktthema  „Freiheit“.
Ursula Richard, die Chefredakteurin von BA, schreibt im Editorial:

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

frei sein, wo immer du bist, das ist der Titel eines Büchleins des vietnamesischen buddhistischen Lehrers Thich Nhat Hanh. Es basiert auf Vorträgen, die er in einem US-amerikanischen Hochsicherheitstrakt vor Gefangenen gehalten hat. Darin betont er, dass Freiheit uns allzeit möglich ist, selbst wenn die äußeren Bedingungen solche extremer Unfreiheit sind. Wir sind frei, die Samen von Mitgefühl und Verstehen in uns zu kultivieren und die von Hass und Verachtung verkümmern zu lassen. Der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse Viktor Frankl, Überlebender von vier Konzentrationslagern, sprach davon, dass der Mensch, so tragisch die Umstände auch sein mögen, immer die Freiheit behält, über seine Haltung zu entscheiden, die er in Bezug auf die Verhältnisse einnimmt. Diese Freiheit manifestierte auch der Leibarzt des Dalai Lama, der viele Jahre unter härtesten Bedingungen in chinesischer Gefangenschaft lebte und gefoltert wurde, aber es nicht zuließ, wie er schrieb, seinen Folterern mit Hass zu begegnen.

Diese Beispiele zeigen in beeindruckender, berührender Weise, was uns möglich ist, was wohl auch unser Menschsein ausmacht – uns in Freiheit für Mitgefühl, Zugewandtsein, Freundlichkeit entscheiden zu können, vollkommen unabhängig von den jeweiligen Umständen. Für Menschen, die den buddhistischen Heilsweg konsequent bis zum Ende gehen wollen, ist dies vielleicht nur eine Zwischenetappe auf dem Weg zum Ziel einer vollkommenen Befreiung, die als Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt und Tod vorgestellt wird. Mir erscheinen sie wie Leuchttürme, die bei stürmischer See und in Dunkelheit Orientierung geben: Wenn wir uns wieder einmal in schwierigen Emotionen verfangen haben und gerade dabei sind, aus der damit einhergehenden Enge destruktiv zu handeln, zeigen sie uns, dass wir unseren Kurs korrigieren und uns für eine andere Richtung entscheiden können.

Der Buddhismus betont die innere Befreiung als wesentlich für dieÜberwindung von Leid. Doch folgt daraus nicht, dass äußere Freiheit oder die äußeren (Lebens-)Bedingungen außer Acht gelassen werden könnten. Bedrängende soziale Verhältnisse, Armut, Ausbeutung, Hunger, Kriege sind ebenfalls Ursachen von Leid und Unfreiheit.

Auch diese Not hat den Buddha bewegt, und er hat Wege zu einem friedvollen, harmonischen Zusammenleben gewiesen.

::: WEITERLESEN VON DER STARTSEITE: Ich halte es für wichtig, beide Aspekte – innere und äußere Freiheit, innere und äußere Bedingungen – zu sehen, auch in ihrem Wechselspiel. Kürzlich hörte ich einen jungen Mann bei einem buddhistischen Seminar sagen, er habe erkannt, dass Glück, Frieden und Freiheit nicht im Außen zu finden seien ebenso wenig wie Anerkennung und Liebe. Er wisse nun, dass er all dies nur in seinem Inneren finden könne, und damit sei er vollkommen frei von anderen. Mich erinnerte dies an die Worte des Buddha, dass die Lehren, als Medizin gedacht, manchmal auch Gift sein können. Denn mir schien, als suchte dieser junge Mann ein unabhängiges, abgetrenntes Selbst zu verwirklichen. Es soll all das in sich finden, was im Außen nur flüchtig und vergänglich zu haben ist. Doch sind wir tatsächlich allein unseres Glückes Schmied? Können wir wirklich alles nur in uns selbst finden? Mir scheint ein solches Selbst, das seine Freiheit und sein Glück durch Abgrenzung sucht, eine gefährliche (neoliberale) Fiktion. Sie schreibt dem Selbst eine Allmacht zu, die es einfach nicht hat. Wir existieren nicht als abgetrennte, autonome Ichs, sondern sind bedingt sowie unlösbar verbunden mit und abhängig von anderen.

In der vorliegenden Ausgabe finden Sie Artikel, welche die unterschiedlichen Aspekte von Freiheit beleuchten und in ein Gespräch miteinander bringen wollen.

Der interreligiöse Dialog soll in der BUDDHISMUS aktuell künftig eine größere Rolle spielen. In dieser Ausgabe beleuchten der Muslim Saber Ben Neticha und der Buddhist Karsten Schmidt, beide im Vorstand des Rates der Religionen Frankfurt am Main, anhand unserer Fragen das vielschichtige buddhistisch-islamische Verhältnis.

Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre.

 

Ursula RichardIhre Ursula Richard, Chefredakteurin

 


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