Neues DBU-Leitbild: „Buddhistisches Netzwerk zum Wohle aller fühlenden Wesen“

Auf der Mitgliederversammlung 2017 wurde nach langen gemeinsamen Gesprächen ein „Leitbild der DBU“ verabschiedet. Wichtig und interessant dabei ist nicht nur der Inhalt dieses Leitbilds, sondern es war auch der Prozess dorthin – denn die Delegierten stimmten nicht mehrheitlich ab, sondern suchten für jede einzelne Formulierung einen Konsens. DBU-Vorstandssprecher Gunnar Gantzhorn erläutert diesen Gesprächsprozess und die Bedeutung des Leitbildes im Gespräch mit der Online-Redaktion (Downloadmöglichkeit siehe Ende des Artikels).


Online-Redaktion: Wie kam es zu der Idee, ein Leitbild für die DBU-BRG zu formulieren? Welche Überlegungen stehen dahinter?

Gunnar Gantzhorn: Für die DBU als Dachverband ist es sehr wichtig einen Handlungsrahmen zu definieren, der von allen Mitgliedern getragen und unterstützt wird. Das Leitbild soll diesen Handlungsrahmen skizzieren und auf diese Weise zukünftig alle Gremien der DBU darin unterstützen, im Sinne der Mitglieder zu handeln.

Zur DBU gehören zahlreiche Mitgliedsgemeinschaften, zur Buddhistischen Religionsgemeinschaft viele einzelne Menschen. Insgesamt ist hier ein vielfältiges Spektrum buddhistischer Traditionslinien und Arten, zu praktizieren und den Buddhismus zu leben und inhaltlich zu akzentuieren, vertreten. Schien es da realistisch, zu einer gemeinsamen Formulierung überhaupt kommen zu können?

Die große Vielfalt und Unterschiedlichkeit unserer Mitgliedsgemeinschaften ist nicht nur in Bezug auf diese Frage immer wieder eine große Herausforderung, doch liegt darin auch die große Chance und der eigentliche Wert des Leitbildprozesses. Denn bei so großer Unterschiedlichkeit eine tragfähige Einigung über gemeinsame Ziele und Werte herbeizuführen, das ist nur möglich, wenn alle gehört werden und gemeinsam jedem Beitrag dieselbe wertschätzende Beachtung geschenkt wird.

Solche ambitionierten Ziele können auch nur in Angriff genommen werden, wenn die Mehrzahl der Mitglieder dahintersteht. Der Wunsch zur Formulierung eines Leitbildes für die DBU war über mehrere Mitgliederversammlungen hinweg immer klarer formuliert worden, bevor wir in den eigentlichen Prozess zur Arbeit am Leitbild eingetreten sind. Insofern waren wir trotz der absehbar großen Aufgabe auch immer sehr optimistisch, dass es uns gemeinsam gelingen würde, ein gutes Ergebnis zu erarbeiten.

Foto: Igor Ovsyannykov | Unsplash

Wie wurde der Leitbildprozess dann konkret begonnen? Gab es vorher Entwürfe, die beispielsweise im Rat schon einmal konzipiert wurden, oder wurde der gesamte inhaltliche Rahmen auf einer Mitgliederversammlung der DBU abgesteckt?

Die Arbeit am Leitbild war ein iterativer Prozess, sowohl hinsichtlich des Inhalts wie auch in Bezug auf den Weg dahin. Der Weg dahin war nicht leicht und zog sich über drei Jahre hin, weil auch in Bezug auf das Vorgehen erst eine Einigkeit hergestellt werden musste. Dabei gab es vor allem am Anfang auch zahlreiche Missverständnisse, die aber alle schrittweise aufgelöst werden konnten, weil wir von Seiten des Rates immer sehr deutlich kommuniziert haben, dass wir bei dieser wichtigen Frage wirklich alle im Boot haben wollen.

Ein sehr wichtiger Aspekt war dabei die Aussendung eines Leitbildentwurfes an alle Mitglieder, den eine Arbeitsgruppe des Rates auf der Basis der Arbeitsergebnisse des ersten Leitbild-Workshops auf der Mitgliederversammlung 2015 erarbeitet hatte. Die Aussendung diente der Vorbereitung des zweiten Workshops auf der Mitgliederversammlung 2016 und sollte einerseits allen Mitgliedern die Möglichkeit zu Kommentaren, Verbesserungen und Ergänzungen geben und andererseits auch schon Vorschläge für konkrete Formulierungen machen. Im Zusammenhang mit der Aussendung gab es einerseits einen überwältigenden Rücklauf, der deutlich machte, wie intensiv sich viele Mitglieder mit den Fragestellungen des Leitbilds auseinandersetzten, anderseits gab es aber auch Kritik, weil manche Mitglieder befürchteten, dass der Rat mit den Formulierungsvorschlägen Ergebnisse vordefinieren wolle.

Es ist unsaber im Verlauf gelungen, glaubhaft zu vermitteln, dass die Leitbildentwicklung ein ergebnisoffener Prozess ist, an dessen Ende ein gemeinsam erarbeitetes Statement der Mitglieder stehen würde.

Wichtig war in all dem ja die Bereitschaft, zu einer Konsenslösung zu finden. Warum spielte der Gedanke des Konsenses eine so große Rolle?

Der gemeinsame Konsens ist die unabdingbare Basis für die Tragfähigkeit des Leitbilds in der Zukunft. Jeden Dissens über Aspekte des Leitbilds hätten wir mit großer Wahrscheinlichkeit in zukünftige Entscheidungen mitgenommen, die das Leitbild referenzieren. Jetzt haben wir eine allgemeine Einigkeit erreicht, die hoffentlich auch eine gute Grundlage für einvernehmliche Entscheidungen in der Zukunft sein kann.

Und wie ließ sich so viel Konsens konkret finden? Vielleicht kannst du einmal plastisch schildern, wie das Bemühen um Konsensformulierungen mit Hilfe von Moderatoren tatsächlich umgesetzt werden konnte.

Als erstes ist echter Konsens nur durch die aufrichtige innere Beteiligung aller möglich. Es war für uns daher ein sehr wichtiges und sehr ermutigendes Signal, dass so viele Delegierte am Leitbildprozess aktiv beteiligt waren und nicht zuletzt drei Jahre hintereinander einen ganzen Urlaubstag für die Teilnahme an den Workshops eingebracht haben. Angesichts der hohen zeitlichen Belastung, die alle Delegierten schon durch die ehrenamtliche Arbeit in ihren eigenen Gemeinschaften haben, war dies nicht nur ein großes Geschenk an die DBU, sondern auch der unübersehbare persönliche Einsatz jeder und jedes Einzelnen, gemeinsam zu einem guten Ergebnis zu kommen.
Ohne diese hohe Beteiligung der Delegierten wäre es unter Umständen trotz einer erfolgreichen Arbeit in den Workshops nicht möglich, von einem echten Konsens der DBU-Mitgliedsgemeinschaften zu sprechen. Dieses große persönliche Engagement der Delegierten hat den Prozess der Konsensbildung ermöglicht und getragen.

Wichtig war aber auch, dass wir das Konsensprinzip an keiner Stelle verlassen haben. Im Verlauf der Arbeit am Leitbild wurde jeder gehört und niemand überstimmt. Es gab sogar einige Diskussionspunkte, wo nach ausführlicher Diskussion durch das gemeinsame Bemühen aller schließlich neue Formulierungen gefunden wurden, durch die eine ursprünglich scheinbar erheblich abweichende Auffassung Einzelner integriert werden konnte. Das waren meine persönlichen Glückserlebnisse, weil darin sichtbar wurde, dass auch in teilweise sehr kontroversen und hitzigen Debatten alle Beiträge tatsächlich gehört und wertgeschätzt wurden.

Die Diskussionen wurden mit hohem Engagement aller vom frühen Vormittag bis in die Nacht geführt und unsere Moderatorinnen und Moderatoren mussten all ihre fachlichen Qualitäten und Kraftreserven mobilisieren, um diese große Energie in einen guten Fluss zu bringen und auch darin zu halten. Ohne ihre hohe Professionalität wäre der Prozess an einigen kritischen Stellen sicherlich anders verlaufen. Durch ihre Kompetenz und auch ihre uneingeschränkte Bereitschaft, den Prozess zu einem guten Ende zu führen, konnten wir alle gemeinsam einen neuen Meilenstein in der DBU-Geschichte setzen.

Foto: John Salzarulo | Unsplash

Kommen wir auf die Inhalte des neuen Leitbildes zu sprechen. Da fällt erst einmal die Selbstdarstellung der DBU gleich zu Beginn auf – die hat einen sehr modernen Charakter, oder?

Der Buddhismus hat eine ungebrochene Tradition von mehr als 2500 Jahren. Ausgehend von den Lehren des Buddha Shakyamuni haben unzählige Lehrerinnen und Lehrer seine Lehren immer wieder vor dem Hintergrund ihres Kulturraumes und den Zeitfragen Ihrer Epoche interpretiert und gelehrt. Für den Buddhismus ist also die Anpassung der Lehrvermittlung an die wechselnden Umstände von Ort und Zeit nichts Neues. Im Gegenteil, die „Frische“ der Lehre, die sich darin manifestiert, ist ein wichtiges Wesensmerkmal des Buddhismus. Die fortwährende Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Kulturräumen, die den Buddhismus aufgenommen haben, hat zahlreiche neue Facetten der Lehre Buddhas herausgearbeitet und damit auch sichtbar gemacht, dass die Lehren Buddhas über diese lange Zeit nichts an Bedeutung und Wirksamkeit eingebüßt haben.

Wenn die Übertragung des Buddhismus nach Deutschland gelingt, wie zuvor schon in so viele andere Kulturkreise, dann wird dabei sowohl unsere Kultur um buddhistische Sichtweisen bereichert wie auch die tradierte Überlieferung des Buddhismus um die besten Errungenschaften unserer Kultur und Zeit.

Den Ausgangspunkt für eine solche sich gegenseitig befruchtende Entwicklung bilden einerseits unser reiches deutsches kulturelles Erbe und andererseits die Lehren und Praktiken der buddhistischen Traditionen, die nach Deutschland kommen. Die Herausforderung, die in diesem Prozess vor uns liegt, besteht darin, dass die buddhistischen Lehren viele Dimensionen mit sich bringen, die in unserer eigenen Kultur so noch nie existiert haben, die wir bisher deshalb weder gesehen, erfahren und gelebt haben und für die wir bisher daher auch noch keinen Ausdruck in unserer Sprache gefunden haben. Der notgedrungene Rückgriff auf vermeintlich ähnliche Begriffe und Konzepte unser christlich geprägten Kultur ist darüber hinaus in Hinblick auf ein wirkliches Verständnis der buddhistischen Lehren oft irreführend und oder schlicht falsch. Auch mit vielen wissenschaftlichen Konzepten verhält es sich ähnlich.

Für ein tiefgründiges Verständnis der Lehren bietet sich für uns letztlich daher kein anderer Zugang, als so unvoreingenommen wie möglich in Lehre, Praxis und Sprache der buddhistischen Traditionen einzutauchen. Um dabei die kritische Distanz zur Innensicht der Traditionen nicht zu verlieren, ist aber auch die Berücksichtigung der Erkenntnisse der modernen westlichen Geschichts- und Sprachwissenschaft in diesem Übertragungsprozess sehr hilfreich und wertvoll.

Im Leitbild bringen wir zum Ausdruck, dass unsere Basis für diesen Prozess des tiefen Verstehens die großen Errungenschaften unserer Kultur sind, wie Menschenrechte, Pluralismus, Demokratie, Gleichberechtigung, Rechtsstaat und Wissenschaft. Wir sind froh, in einer Kultur zu leben, die uns all dies bietet. Wir setzen uns deshalb für die Bewahrung und Weiterentwicklung dieser Errungenschaften ein. In den Buddha-Lehren finden wir jedoch vieles, was unsere Kultur dringend braucht, insbesondere Wege zur Kultivierung von Zufriedenheit, Gelassenheit, Friedfertigkeit, Auflösung der Ich-Illusion und damit verbundene Abkehr von Egoismus und Egozentrismus sowie die Entwicklung des Gewahrseins unserer tiefen Verbundenheit mit allen Lebewesen.

In den folgenden Passagen werden Prinzipien der Kooperation innerhalb der DBU geschildert. Was wäre da in deinen Augen besonders hervorzuheben?

Ganz grundlegend geht es um ein Gewahrsein der Tatsache der Pluralität der buddhistischen Lehren und Traditionen. Bei aller Begeisterung für die Tradition, die uns am meisten anspricht und die wir deshalb für uns selbst als Lebensweg gewählt haben, müssen wir uns bewusst sein, dass andere aufgrund ihrer anderen Ausgangssituation und Neigungen einen anderen Weg gewählt haben, der darum für Sie „der beste Weg“ ist. Welchem der vielen Wege der buddhistischen Traditionen wir auch folgen, wir dürfen nie vergessen, dass sich seine Lehre vollständig erst in der Gesamtheit all dieser Wege zeigt. Dies ist der Ausgangspunkt für die Entwicklung von Achtung und Wertschätzung gegenüber der ganzen Vielfalt von Wegen, die der Buddha aufgezeigt hat, insbesondere all der Wege, die wir nicht selbst gehen.

Darüber hinaus geht es aber auch darum, ein gemeinsames Grundverständnis der Lehre Buddhas herauszuarbeiten, dass alle Mitgliedsgemeinschaften der DBU teilen und auch kommunizieren können. In der Öffentlichkeit werden all die verschiedenen buddhistischen Traditionen in all ihrer großen Unterschiedlichkeit ja zunächst einmal als „buddhistisch“ wahrgenommen. Also vertreten die Gemeinschaften in einer Zeit, wo der Buddhismus in Deutschland und Europa als ein neues gesellschaftliches Phänomen hinzukommt, nicht nur sich selbst, sondern auch den Buddhismus in seiner Gesamtheit. Hierfür gilt es in den Gemeinschaften ein Bewusstsein zu schaffen, so dass diese auch darauf vorbereitet werden, den Buddhismus insgesamt zu repräsentieren. Dies schließt gegebenenfalls auch den Erwerb von Wissen über wichtige Lehren und Praktiken anderer Traditionen ein, die in der eigenen Tradition vielleicht keine Bedeutung haben oder sogar völlig unbekannt sind.

Und schließlich geht es auch um die Zusammenarbeit mit der Gesellschaft insgesamt – was ist da besonders wichtig?

Für die nächsten Jahre gilt es für mich vor allem um zwei Dinge:

Erstens gilt es die Vielfalt der buddhistischen Traditionen sichtbar zu machen. Da steht die Öffentlichkeit vor einem großen Lernprozess, denn das Verständnis von Religion als einer zentralistisch organisierten Kirche ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Daran hat sich nicht zuletzt auch die Religionskritik der letzten Jahrhunderte abgearbeitet.

Im Buddhismus gibt es jedoch keine solche Zentralinstanz, oft nicht einmal innerhalb der jeweiligen Traditionen. In den Herkunftsländern gibt es allerdings buddhistische Institutionen, die wir durchaus mit den Errungenschaften der Aufklärung konfrontieren sollten.

Ein ähnliches Problemfeld ist die verzerrte Wahrnehmung der Öffentlichkeit von buddhistischer Praxis und Lehre, die durch die Medien vermittelt wird. Da wird Buddhismus oft auf „weltentrückte Askese“, Meditation oder Achtsamkeit reduziert. Selbstverständlich sind das auch wichtige Aspekte, aber der Reichtum buddhistischer Lehre und Praxis ist ja um so viel größer. All das ist nicht leicht zu vermitteln, da liegt noch sehr viel Aufklärungsarbeit vor uns.

Foto: Samuel Zeller | Unsplash

Zweitens sind buddhistische Lehre und Praxis kein Selbstzweck, sondern dienen dazu, Antworten auf die drängendsten Fragen unserer menschlichen Existenz zu finden. Viele dieser Fragen sind im 21. Jahrhundert nicht mehr nur individuell lösbar, weil sie alle Menschen darüber hinaus auch unzählige andere Lebewesen existenziell betreffen, zum Beispiel die Zerstörung der Lebensgrundlagen von immer mehr Menschen und anderen Lebewesen aufgrund der vom Profitstreben getriebenen hemmungsloser Ausbeutung der natürlichen „Ressourcen“. Neben vielen weiteren Themen möchte ich auch noch nennen die exponentiell zunehmende Kluft zwischen „arm“ und „reich“.

Diese Probleme sind eine unteilbare Bedrohung für die gesamte Menschheit und auch alle anderen Lebewesen, die den blauen Planeten bewohnen. Wir sind daher auch alle gefordert, jedes Quäntchen Weisheit und geschicktes Handeln einzubringen, um die drohende Katastrophe abzuwenden.
Die zentralen Lehren des Buddha adressieren die Ursachen und Lösungsansätze zur Überwindung dieser Probleme sehr genau. Als Buddhisten sind wir daher einerseits gefordert, dieses Wissen der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, und andererseits auch, die vom Buddha aufgezeigten Lösungswege in unserem Leben beispielhaft und inspirierend vorzuleben.

Gab es auch Inhalte, die keinen Eingang gefunden haben und nun vielleicht schmerzlich fehlen?

Ich denke es ist sehr gut gelungen, alle Inhalte in das Leitbild zu integrieren, die den Beteiligten am Prozess wichtig waren. Insofern ist es situativ betrachtet auch vollständig. Von der Sache her ist ein Leitbild aber ohnehin kein abgeschlossener Prozess. Es wird sich im Laufe der Zeit durch die Berücksichtigung neuer Anforderungen und weiterer Gesichtspunkte weiterentwickeln.

Welche Rolle wird das Leitbild nun in der Zukunft spielen können? Wie wird es die DBU-BRG in ihrer täglichen Arbeit unterstützen können?

Als Rahmensetzung für die Arbeit der Organe und Gremien der DBU wird uns das Leitbild vor allem auch dabei helfen, all die Aufgaben nicht aufzugreifen, die täglich neu an uns herangetragen werden. Wenn wir als Organisation handlungsfähig sein wollen, dann ist eine solche Fokussierung sehr notwendig. Ebenso ist die Rückbindung zum Willen der Mitgliederversammlung wesentlich. Beide Aspekte werden unsere Arbeit in der Zukunft mit Sicherheit stärken.

Danke für das Gespräch!

Weitere Informationen

=> Hier können Sie das Leitbild der DBU als PDF herunterladen