Interreligiöser Dialog: Was der Buddhismus geben kann

Interview

Interreligiöser Dialog:
Was der Buddhismus geben kann

 

Der interreligiöse Dialog ist heute wichtiger denn je, verlaufen doch viele gesellschaftliche Konfliktlinien entlang religiöser und weltanschaulicher Unterschiede. Ein Interview über den Wert des interreligiösen Austausches in der heutigen Zeit mit dem Dharmalehrer Dr. Thomas Barth, der sich in München im „Rat der Religionen“ engagiert.

 

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Fenster der „Interfaith Chapel“ der Universität von Rochester | © Ryan Hyde

 

Online-Redaktion: Sprechen wir eingangs ein wenig über Sie persönlich: Wann und wie kamen Sie zum Buddhismus und welchen Weg sind Sie darin bis heute gegangen?

Thomas Barth: Als mein erstes Kind unterwegs war, bekam ich ein Buch über Kindererziehung geschenkt. Das hat mein Interesse für Psychologie geweckt. Später habe ich mich mit Philosophie und Religion vom Christentum bis Buddhismus beschäftigt. Am meisten angetan war ich schließlich von den Erzählungen über Zen-Meister. So wollte ich auch werden.

Anfang der 90er Jahre habe ich also bei F. S. Nakagawa Roshi, einem Meister aus dem japanischen Soto-Orden begonnen, Zen zu üben. Später ging ich zu Dokko-An K. Kuwahara, der den Pinsel-Zen-Weg lehrt. 2003 machte mich dann Karl Schmied mit den Lehren des vietnamesischen Zen-Meisters Thich Nhat Hanh bekannt. Bei ihm lernte ich verstehen, wie tief die Lehre ist, jeden Augenblick des Alltags achtsam zu sein, immer im Hier und Jetzt. Und ich konnte die Bedeutung einer guten und starken Sangha für die spirituelle Entwicklung erleben.

 

Der Dalai Lama im Gespräch mit einem christlichen Mönch | © Fr. Lawrence Lew OP

Der Dalai Lama im Gespräch mit einem christlichen Mönch | © Fr. Lawrence Lew OP

 

Der „Rat der Religionen“ in München – was hat es damit auf sich? Können Sie etwas zur Gründungsidee und -geschichte erzählen?

Die Initiative, einen Rat der Religionen zu gründen, ging von der evangelischen Stadtdekanin Barbara Kittelberger und dem Bischofsvikar Graf zu Stolberg von der Katholischen Kirche aus. Im ersten Schritt wurden je ein Vertreter oder eine Vertreterin der orthodoxen Kirchen, der christlichen Freikirchen, des Muslimrats, des Münchner Forums für Islam, der Aleviten, Juden und Buddhisten hinzugezogen. Dieses Gremium nennen wir den Sprecherrat. Zur Vollversammlung des Rats der Religionen gehören weitere Vertreterinnen und Vertreter dieser Religionen. Die buddhistischen kommen vom Aryatara Institut, dem Buddha-Haus, aus dem Diamantweg und dem Wat Thai. Vor kurzem wurde auch die Religionsgemeinschaft der Bahai in die Vollversammlung aufgenommen.

WEITERLESEN VON DER STARTSEITE ::: Wir erleben gerade eine Zeit, in der in unserer Gesellschaft mehr Gräben aufgerissen als zugeschüttet werden. Und wenn ich Gesellschaft sage, meine ich ausdrücklich alle Menschen, die hier leben, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Wenn Spannungen und Feindseligkeiten entstehen, wird Religion gerne als Merkmal verwendet, um zwischen „wir“ und „ihr“ zu unterscheiden. Und dann entsteht der Eindruck, die Religionen seien die Ursache.

Wir wollen mit dem Rat der Religionen in München zeigen, dass die Religionen nicht die Ursache unserer Probleme sind, sondern zur Lösung beitragen können. Mit unserer Zusammenarbeit und unseren gemeinsamen Friedensgebeten beweisen wir ganz anschaulich, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist und dass gemeinsames Handeln Vorteile für uns alle bringt.

 

 

Rabbi Mechachem Froman (also spelled Fruman) is a well-known interreligious peacemaker based in Tekoa in the West Bank of the Occupied Palestinian Territories. On December 12, 2005 he receieved a delegation of British Sikhs. Together they had an interreligous dialogue, praying together and visited Tekoa's yeshiva.

Vertreter von Judentum und Sikh-Religion im Gespräch | © Damon Lynch

 

Seit wann sind Sie selbst im Rat der Religionen dabei und wie kam es zu Ihrem persönlichen Interesse am interreligiösen Dialog?

Ich bin im November 2015 ganz unerwartet vom Vorsitzenden der Deutschen Buddhistischen Union, Gunnar Gantzhorn, in den Sprecherrat entsendet worden. Die Gespräche mit ihm sowie mit Susanne Matsudo-Kiliani, die für uns am Runden Tisch der Religionen in Deutschland teilnimmt, haben mir gezeigt, welche Möglichkeiten diese Beteiligung bietet. Insbesondere konnte ich sehen, dass ich mein Interesse, Verständnis und Frieden zu fördern, dort einbringen kann.

„Dialog“ ist ein oft gehörtes Wort. Wenn wir uns einmal ganz vom interreligiösen Kontext lösen und allgemeiner sprechen: Was ist nach Ihrer Auffassung der tiefere Sinn von Dialog und wie muss Dialog angelegt sein, um zu gelingen?

Der tiefere Sinn von Dialog ist, den anderen zu verstehen, zu sehen, warum er meint, so und nicht anders denken und handeln zu müssen, und Verständnis für ihn und sein Verhalten zu gewinnen. Dann können wir ihn so annehmen, wie er ist, und Wohlwollen und Mitgefühl entstehen auf ganz natürliche Weise.

Das Schwierigste dabei ist das Zuhören – gutes und tiefes Zuhören. Wir haben ja unsere eigene und oft abweichende Meinung. Beim Zuhören kommt dann immer wieder der innere oder laut ausgesprochene Widerspruch: „Das stimmt doch nicht! So war das doch gar nicht! Aber das geht doch gar nicht!“ Und schon hören wir nicht mehr zu, sondern rechtfertigen uns oder versuchen den anderen von unserer Meinung zu überzeugen.

Gutes und tiefes Zuhören ist schon eine Kunst. Es braucht einiges an Übung und Arbeit an der Einstellung. Man muss sich immer wieder klar machen, dass man in das Gespräch geht, um den anderen zu verstehen.

Und wenn wir es einmal umgekehrt beleuchten: Was sind Fallstricke im Dialogversuch? Was kann Dialog vielleicht sogar misslingen lassen?

Wenn wir nur Recht haben wollen, wenn wir uns darauf konzentrieren zu überzeugen oder zu überreden, dann kann der Dialog leicht misslingen. Manchmal blockiert uns auch die Überlegung: „Warum soll ich mich bemühen, den anderen zu verstehen, er bemüht sich ja auch nicht?“ Da hilft es, sich möglichst bildhaft und eindrücklich die Folgen einer einseitigen Versöhnung vorzustellen. Eine Person kann die andere verstehen und Wohlwollen entwickeln. Die andere verharrt im Groll. Welche fühlt sich besser in ihrer Haut? Welche möchte ich sein?

 

 

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Interreligiöser Dialog im Rahmen der Vereinten Nationen | © The Apex Archive

Im interreligiösen Austausch kommen Menschen unterschiedlichen religiösen Glaubens zusammen und möchten einander auch nicht missionieren. Was kann dann Gegenstand von Dialog sein? Um welche Themen geht es – und um welche Themen geht es vielleicht auch nicht?

Nun, zunächst geht es einmal darum, dass überhaupt ein Dialog stattfindet, dass gegenseitiges Verstehen, Verständnis füreinander und schließlich Vertrauen entstehen können. Das allein ist schon ein großes Ziel und schafft eine Grundlage für weitere Schritte. Wir dürfen nicht übersehen, dass die verschiedenen Religionen keine Tradition der Zusammenarbeit haben, dass wir in der Vergangenheit oft gehandelt haben, ohne an die anderen zu denken, oder uns gar von Konkurrenzdenken haben leiten lassen.

Unsere große Gemeinsamkeit ist, dass wir in derselben Stadt wohnen. Wir wollen zu einer guten Entwicklung dieser Stadt beitragen und wollen helfen, wenn es Schwierigkeiten oder Spannungen gibt.

Der Buddhismus ist manchmal im interreligiösen Austausch inhaltlich nicht ganz so leicht anschlussfähig. Die überwiegende Mehrzahl der anderen Religionen kann sich auf eine monotheistische Perspektive einigen, die abrahamitischen Religionen können das sogar auf  einen Teil ihrer Überlieferungsgeschichte und ihrer Propheten. Ihre Erfahrung wäre schön zu hören: Wie können Buddhistinnen und Buddhisten im interreligiösen Kontext sprechen, um einerseits Nähe zu signalisieren, andererseits aber auch in ihrer spezifischen Spiritualität sichtbar und nachvollziehbar zu werden?

Die anderen acht Mitglieder des Sprecherrats, also dem Entscheidungsgremium des Rats der Religionen, kommen alle von monotheistischen Religionen, die noch dazu den Anfang ihrer Überlieferungsgeschichte teilen, ja, da könnte man sich schon als Außenseiter betrachten.

Aber gerade weil wir anders sind, ist unsere Beteiligung so wichtig. Wir haben eine lange Tradition darin, Wohlwollen und Mitgefühl für alle Menschen zu entwickeln, Aufgaben mit Freude anzugehen und Gleichmut zu wahren, wenn es schwierig wird. Das können wir in die Gremien einbringen. Damit können wir einen wertvollen Beitrag leisten.

Ihr Beitrag auf dem diesjährigen Friedensgebet – von welchen Überlegungen haben Sie sich bei Ihren Vorbereitungen leiten lassen und was war Ihnen dieses Jahr aus buddhistischer Perspektive besonders wichtig?

Bei Friedensgebet denken wir meist an den äußeren Frieden, den Frieden in der Welt. Ich wollte den Blick einmal auf den inneren Frieden lenken. Das ist ein Kernthema des Buddhismus. Wenn ich Frieden so verstehe, zeige ich, was uns beschäftigt.

Außerdem meine ich, damit besser auf die Probleme der Menschen einzugehen. Wir leben ja – zumindest weitgehend – in äußerem Frieden. Aber wir haben Angst vor Terror, Angst zu Fremden im eigenen Land zu werden, vor sozialem Abstieg und vielem anderen mehr. Es gibt viel zu viel Angst. Und in ihrer Angst suchen die Menschen Schuldige, und Wut und Hass entstehen. Aber das sind Prozesse, die in unserem eigenen Geist ablaufen. Der Buddha hat uns gelehrt, dass wir etwas dagegen tun können. Das ist die „Frohe Botschaft“ des Buddha, das wollte ich den Menschen vermitteln.


„Wir haben eine lange Tradition darin, Wohlwollen und Mitgefühl für alle Menschen zu entwickeln, Aufgaben mit Freude anzugehen und Gleichmut zu wahren, wenn es schwierig wird. Das können wir in die Gremien einbringen. Damit können wir einen wertvollen Beitrag leisten.“

 

Dr. Thomas Barth, Dharmalehrer

Dr. Thomas Barth, Dharmalehrer

Thomas Barth praktiziert den Buddhismus seit Anfang der 90er Jahre, zunächst Zazen bei Fumon Nakagawa Roshi und später in der Tradition von Thich Nhat Hanh. Seit 2003 ist er Mitglied der Münchner Sangha der Gemeinschaft für achtsames Leben Bayern e.V. (www.gal-bayern.de) und 2006 wurde er ihr Vorsitzender. 2014 ernannte ihn Thich Nhat Hanh in der traditionellen Zeremonie zur Übertragung der Lampe zum Dharmalehrer.

 


Worin sehen Sie in einer globalen Perspektive die Aufgabe des interreligiösen Dialogs heute und in naher Zukunft?

Das ganz große Thema unserer Zeit ist die globale Erwärmung. Aber mit diesem Problem tun wir uns sehr schwer. Wir tun uns so schwer, weil die globale Erwärmung letztlich durch unser aller Konsumverhalten angetrieben wird. Wir konsumieren viel zu viel, weil wir eine innere Leere auffüllen und Glück empfinden wollen und weil wir meinen, uns ablenken  zu müssen.

Das sind Themen, an die die Politik nicht herankommt. Und die Werbeindustrie fördert fleißig unser falsches und schädliches Denken. Da können nur die Religionen helfen. Nur sie können den Menschen zeigen, wie sie Stabilität und Zufriedenheit finden können. Und da müssen alle Religionen zusammen wirken, um viele Menschen zu erreichen.

Der Buddha und unsere spirituellen Vorfahren haben uns gelehrt, wie wir unseren Geist verstehen, falsches Denken beenden und lernen können, glücklich im Hier und Jetzt zu verweilen. Wir sind deshalb gut gerüstet für die Herausforderungen der Zukunft. Aber ich bin sicher, dass auch die anderen Religionen helfen können, den Bewusstseinswandel herbeizuführen, mit dem wir die globale Erwärmung aufhalten können.

Kommen wir zurück zu München – wie sehen die Pläne des „Rats der Religionen“ für die nähere Zukunft aus?

Ja, jetzt hatte ich schon ziemlich weit abgehoben. Schön, dass Sie mich auf die Erde zurückholen. Also, 2005 war in München die Bundesgartenschau. Und auf dem Gelände wurde ein Platz der Religionen geschaffen. Er ist sehr schön angelegt. Damals fanden dort viele religiöse Veranstaltungen statt. Jetzt ist der Platz der Religionen mit Graffitis und Müll verschandelt. Ihn einfach zu reinigen ist zu wenig. Man müsste den Platz auch mit religiösen Aktivitäten mehr beleben und vielleicht Patinnen und Paten finden, die sich regelmäßig um ihn kümmern. Aber auch eine Verlegung an eine besser erreichbare Stelle wird in Erwägung gezogen.

Ganz zum Schluss – gibt es einen Punkt, den wir nicht angesprochen haben, der Ihnen aber wichtig ist?

Eine überraschende und erfreuliche Nebenwirkung des Rats der Religionen ist, dass er auch den innerbuddhistischen Dialog fördert. Nun gibt es mit den zweimal jährlich stattfindenden Vollversammlungen weitere Gelegenheiten, zu denen sich Vertreterinnen und Vertreter aller großen Traditionen des Buddhismus treffen und austauschen können.

Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Susanne Billig, Online-Redaktion