Stellungnahme des Rates der DBU – Zum Missbrauchsfall Genpo Döring

Genpo Döring, der am 11. Juli 2017 wegen Kindesmissbrauchs zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und neun Monaten verurteilt wurde, weil ihm nachgewiesen werden konnte, dass er sieben Jungen im Alter von 4 bis 13 Jahren sexuell missbraucht hat, war ein überregional bekannter Vertreter des Buddhismus in Deutschland und hat sich 23 Jahre im Rat der DBU engagiert, 3 Jahre davon als stellvertretender Sprecher. Bei seinem Ausscheiden aus dem Rat hat ihn die Mitgliederversammlung der DBU 2008 daher zum Ehrenrat ernannt. Von 2008 bis Mitte 2016 hat er zudem die DBU als Delegierter bei der World Fellowship of Buddhists, dem Weltverband der Buddhistinnen und Buddhisten, vertreten.

Seine Auszeichnung zum Ehrenrat der DBU hatte der Rat der DBU bereits bei Bekanntwerden der Vorwürfe im Oktober 2016 sofort mit einstimmigem Beschluss bis zu einem Urteil über seine Schuld oder Unschuld im Gerichtsverfahren vorläufig aufgehoben; mit seiner Verurteilung wird dies nun endgültig. Seine Ämter als Vertreter der DBU bei der World Fellowship of Buddhists und als Vizepräsident der World Fellowship of Buddhists hat Genpo Döring selbst bereits im Juli 2016 aus gesundheitlichen Gründen niedergelegt. Genpo Döring und die Hakuin-Zen-Gemeinschaft sind seit 2010 nicht mehr Mitglied in der DBU.

Es bestürzt uns zutiefst, dass Genpo Döring als exponierter Vertreter der Buddha-Lehre furchtbare Verbrechen an Minderjährigen begangen hat.

Es sind in erster Linie die Opfer, an die wir jetzt denken. Sie haben durch Genpo Dörings Taten entsetzliches Leid erleben müssen, was in ihrem Innern schmerzvolle Wunden hinterlassen hat. Ihnen gilt unser tief empfundenes Mitgefühl. Wir wünschen ihnen von Herzen, dass sie in ihrem Umfeld die liebevolle Unterstützung finden mögen, die es ihnen möglich macht, ihren Schmerz, ihre Ängste und Verzweiflung zu überwinden und innerlich wieder heil zu werden. Wir sind darüber hinaus der betroffenen Familie sehr dankbar, die trotz der Erfahrung großen Leids, welches ihr durch Genpo Döring widerfahren ist, die Kraft fand, Genpo Dörings Taten zur Anzeige und damit zu einem Ende zu bringen.

In unserem Gedenken an die Opfer denken wir auch an alle anderen, die nun in unmittelbarer Weise von Genpo Dörings Handeln betroffen sind, insbesondere auch an Genpo Dörings Familie und die Mitglieder der Hakuin-Zen-Gemeinschaft. Es ist schrecklich, in einem Menschen, den man viele Jahre gut zu kennen glaubt, den man wertschätzt und dem man vertraut, jemanden erkennen zu müssen, der ein Doppelleben geführt hat und Minderjährige, die sich ihm anvertrauten oder ihm anvertraut wurden, Leiden zugefügt hat. Solch ein Vertrauensbruch betrifft mehr als nur das Verhältnis zu einer Person. Dadurch wird auch die Frage aufgeworfen, wem man überhaupt noch vertrauen kann. Auch ihnen wünschen wir von Herzen, dass sie diese Verletzung überwinden können und eine neue Basis für vertrauensvolle Beziehungen finden.

Der Buddha lehrt die beständige Achtsamkeit auf heilsames Handeln

Wie viele andere Menschen, die von Genpo Dörings sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen erfahren haben, fragen wir uns auch, wie so etwas möglich sein konnte. In der Lehre des Buddha hat ethisches Verhalten einen hohen Stellenwert, ist sie doch darauf gerichtet, selbstsüchtiges und schädigendes Verhalten aufzugeben und stattdessen ein heilsames Handeln zum Wohle aller Lebewesen zu entwickeln, so wie dies auch im Buddhistischen Bekenntnis der DBU zum Ausdruck kommt. Es ist für uns daher unfassbar, wie Genpo Döring, der die Buddha-Lehre so viele Jahre studiert und gelehrt hat, ein solches Doppelleben führen konnte.

Wir erinnern uns daran, dass der Buddha die Verstrickung der Wesen in die drei Geistesgifte, Gier, Hass, und Verblendung als Ursache für das Leiden in der Welt erkannt hat. Genpo Dörings Beispiel führt uns einprägsam vor Augen, dass wir als Menschen sowohl das Potential für unfassbare Verbrechen wie auch das Potential zur vollkommenen Überwindung all dieser unheilsamen Tendenzen und der Verwirklichung des vollkommenen Erwachens in uns tragen.

Der Buddha hat mit seiner Lehre den Weg dazu aufgezeigt, wie wir Befreiung vom Leiden finden und das Erwachen verwirklichen können. Ethisches Verhalten und Achtsamkeit sind die grundlegenden Voraussetzungen für weitere Fortschritte auf diesem Weg. Auf einer praktischen Ebene hat der Buddha daher immer wieder darauf hingewiesen, dass wir mit unablässiger Achtsamkeit unsere Sinneswahrnehmungen und Aktivitäten in Körper, Rede und Geist wahrnehmen und prüfen müssen, damit wir unsere unheilsamen Verstrickungen in die Geistesgifte überwinden und heilsame Gewohnheiten und Qualitäten entwickeln können. Die Lebensumstände ändern sich ständig und jeder Augenblick birgt das Potential für unser heilsames oder unheilsames Handeln, deshalb ist die Entwicklung einer beständigen Achtsamkeit so wichtig. Es ist diese beständige und minutiöse Achtsamkeit auf die heilsame Qualität aller ihrer Handlungen, die wir bei herausragenden buddhistischen Lehrerinnen und Lehrern sehen können und die sie wahrhaftig zu Vorbildern macht.

Wir rufen daher alle Mitglieder der buddhistischen Gemeinschaft dazu auf, solch guten Beispielen zu folgen und ethisches Verhalten vereint mit beständiger Achtsamkeit zur Grundlage ihrer Praxis und ihres Lebens zu machen. Es ist unser tiefer Wunsch, dass wir durch unser individuelles und gemeinschaftliches Handeln ein inspirierendes Beispiel geben für die Kraft des Achtfachen Pfades, den uns der Buddha gelehrt hat, um uns vom Unheilsamen zu befreien und das Heilsame zu entwickeln – zum Nutzen für uns selbst und alle Wesen.

Wir ernten die Früchte unseres Handelns

Der Buddha lehrt uns auch, dass wir die Früchte der Handlungen, die wir säen, ernten werden. Unser Mitgefühl gilt daher auch Genpo Döring selbst. Durch sein missbrauchendes Handeln hat er Furchtbares angerichtet, im Leben der Opfer, aber auch für sich selbst. Sein Fehlverhalten wird auf ihn zurückwirken, nicht nur in Form seiner langen Haftstrafe, sondern auch weit darüber hinaus.

Wir sind deshalb froh darüber, dass er den sexuellen Missbrauch eingestanden hat und bereut. Nur durch Wahrhaftigkeit und tief empfundene Reue hat er die Möglichkeit, sich zu ändern, wieder eine positive Richtung einzuschlagen und vielleicht auch noch Positives zum Leben der Opfer beizutragen. Seine erste Entschuldigung bei den Opfern im Rahmen des Gerichtsverfahrens ist dazu ein erster wichtiger Schritt. Wir hoffen und wünschen, dass er diesen Weg mit Entschlossenheit fortsetzen kann.

25. Juli 2017, Rat der Deutschen Buddhistischen Union – Buddhistische Religionsgemeinschaft e.V.