„Meine Zweifel haben mich in die Tiefe geführt“

Interview

„Meine Zweifel haben mich in die Tiefe geführt“

 

(Auszug aus BUDDHISMUS aktuell 01/2017) Achtsamkeit und Mitgefühl schaffen einen Raum des Vertrauens, in dem sich auch Schmerzen und lange verdrängte Leiden zeigen dürfen. Mut und Vertrauen gehen dabei Hand in Hand, erklärt Buchautorin und Achtsamkeitslehrerin Maren Schneider in diesem Gespräch.

 

Mit Selbstmitgefühl beginnt universales Mitgefühl | © StockSnap

 

::: AUSZUG AUS DEM ARTIKEL IN BUDDHISMUS AKTUELL 01|2017

Ursula Richard: Sie sprechen in Ihrem neuen Buch von selbstmitfühlender Achtsamkeit. Auch von mitfühlender Achtsamkeit ist heute manchmal die Rede. Der bekannte buddhistische Mönch französischer Herkunft, Matthieu Ricard, spricht von „caring mindfulness“. Warum selbstmitfühlende Achtsamkeit – reicht die einfache Achtsamkeit nicht mehr?

Maren Schneider: Die Basis der Achtsamkeit ist Mitgefühl, denn es geht darum, Leidprozesse zu beenden. Wenn Achtsamkeit zu technisch oder als reines Lifestyle-Produkt vermittelt wird, kann es passieren, dass dieser Aspekt zu sehr in Vergessenheit gerät. Dann fangen wir in unserem Leistungsdenken und in unserem Bestreben nach Selbstoptimierung an, Achtsamkeit zu rigide zu praktizieren und den Aspekt des Mitgefühls dabei regelrecht zu verpassen. Den Fokus noch einmal speziell auf Mitgefühl und Selbstmitgefühl zu legen, sehe ich als wichtige Erinnerung, denn liebevoll auf sich zu achten und mitfühlend mit sich umzugehen scheint immer noch ein heikles Thema zu sein, auch in Dharma-Kreisen.

Für sich selbst Mitgefühl und eine gesunde, heilsame Aufmerksamkeit und Fürsorge aufzubringen fällt vielen Menschen schwer und wird als egoistisch abgetan. Wir haben offensichtlich nicht wirklich gelernt, mit uns auf eine ganz natürliche und maßvolle Art fürsorglich umzugehen – mit der Konsequenz, dass wir uns selbst nicht mehr gesund abgrenzen können, uns erschöpfen und überfordern. Selbstmitgefühl ist eine Erinnerung, die wir in unserer Leistungsgesellschaft dringend brauchen, um unser Gleichgewicht wieder zu erlangen, für uns selbst und damit auch für die Gesellschaft.

Ich habe oft Menschen begleitet, die Atheisten waren, an nichts geglaubt haben, aber meist war dann doch etwas – ein Funke, das Vertrauen: „Ich habe ein gutes Leben gelebt.“ Und das ist ja auch eine Zuflucht, eine Kraftquelle: „Ich habe es richtig gemacht und die Dinge, wo es falsch gelaufen ist, die habe ich wieder geradegebogen.“ Das ist ja eine Meisterleistung, dies zu sehen und wertzuschätzen und wirklich zu feiern. Und wir Begleitende sind da, um das zu bezeugen – darin liegt eine ganz große Kraft.

Manchmal verfallen Menschen in diesem Stadium auch in Depressionen, in tiefe Verzweiflung und existenzielle Lebensängste tauchen auf. Das ist ganz normal, und es ist für die Begleitenden dann immer wieder die größte Herausforderung, nicht selbst in die Angst oder Verzweiflung zu gehen, nicht die Angst oder Verzweiflung zu nähren, sondern dem anderen zu spiegeln: Du bist nicht nur deine Angst, du bist nicht nur die Verzweiflung, auch in diesem Moment ist immer noch eine Ressource da. Guck mal, da ist auch noch ein Mensch bei dir, der nicht wegläuft. Dem anderen Mut geben durch das eigene Dasein.

Sind diese neuen Begrifflichkeiten vielleicht auch eine Folge der zunehmenden Säkularisierung der Achtsamkeit? Die Achtsamkeit wurde ja in gewisser Weise entkernt und aus ihrem buddhistischen Kontext gelöst. Möglicherweise sind dabei wichtige Aspekte auf der Strecke geblieben, die jetzt wieder hinzugefügt werden müssen?

Das denke ich auch. Dennoch finde ich es in der Arbeit mit Patientinnen und Patienten sehr hilfreich, einen nicht religiösen Schulungsweg anbieten zu können, der allen zugänglich ist. Gleichzeitig halte ich es für sehr wichtig, dass wir Lehrende neben einer fundierten Ausbildung auch eine stabile Praxis-Verbindung zu einer Herzenspraxistradition haben, damit wir aus der ursprünglichen Tiefe der Lehre schöpfen und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer so begleiten können, wie es dem Ursprung gemäß gemeint ist.

Gleichzeitig halte ich es für sehr wichtig, dass wir Lehrende neben einer fundierten Ausbildung auch eine stabile Praxis-Verbindung zu einer Herzenspraxistradition haben, damit wir aus der ursprünglichen Tiefe der Lehre schöpfen und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer so begleiten können, wie es dem Ursprung gemäß gemeint ist. Nur dann kann sich die Heilkraft der Praxis wirklich entfalten. Sonst verwässert auch die säkulare Praxis immer mehr; sie verliert an Tiefe und Herz und wichtige Aspekte geraten in Vergessenheit. Dann läuft die Praxis fehl. Selbstmitgefühl ist meines Erachtens der Anfang von profundem universalem Mitgefühl.

 

Aus der ursprünglichen Tiefe der Lehre schöpfen | © Maksim Million

 

Gehört die Wendung hin zu einer „selbstmitfühlenden Achtsamkeit“ also zu einem tieferen Klärungsprozess?

So sehe ich das! Wir sind immer noch in einer Findungsphase, wie wir die Lehre Buddhas in unsere westliche Kultur übertragen bekommen. Und selbst der Westen hat unterschiedliche Prägungen, die berücksichtigt werden müssen. In manchen Ländern haben wir zum Beispiel immer noch mit unverarbeiteten Kriegstraumen aus dem Zweiten Weltkrieg zu tun, die ihre Spuren in Gesellschafts-, Arbeits- und Ichstrukturen gegraben haben und die wir unbewusst auch in unsere Art tragen, den Dharma zu verstehen und zu praktizieren. Zu diesem Findungsprozess gehört es nun, dass wir Fehler machen, dass wir neue Ansätze und Vereinfachungen finden müssen oder umgekehrt noch detailliertere Erklärungen suchen müssen, die uns helfen, unsere blinden Flecken zu erkennen und die Lehren wirklich so zu verstehen und zu praktizieren, wie sie gemeint sind. Wir haben die Achtsamkeit in bester Absicht aus dem religiösen Zusammenhang herausgelöst, um sie einfach und zugänglich zu gestalten, und dabei blieb an manchen Stellen das Mitgefühl auf der Strecke. Jetzt wird es, im Zuge eines heilsamen Bewusstwerdungsprozesses, wieder mehr in den Fokus genommen.

Wenn wir uns darauf ausrichten, uns selbst mehr Mitgefühl entgegenzubringen, fördert das nicht in erster Linie unsere Selbstbezogenheit? Oder führt Selbstmitgefühl auch zu mehr Mitgefühl für andere?

Selbstmitgefühl und die daraus resultierende heilsame Selbstfürsorge werden manchmal verwechselt mit egozentriertem Handeln. Die wenigsten haben gelernt, für sich angemessen und ohne schlechtes Gewissen zu sorgen, was dazu führt, dass wir uns entweder im Außen verlieren und uns selbst vernachlässigen, überfordern und damit schädigen. Oder wir werden zu seinem selbsthungrigen Wesen, das nie satt zu kriegen ist und unstillbar immer noch mehr Aufmerksamkeit verlangt; das wäre dann Selbstsucht. Doch damit verstoßen wir gegen Buddhas Gebot, niemandem – also weder uns noch anderen – zu schaden. Selbstmitgefühl legt den Fokus auf die bewusste Erlaubnis, sich heilsam und maßvoll um sich selbst zu kümmern, statt andere dafür einzuspannen oder sich für andere aufzuopfern, und Verantwortung für uns zu übernehmen. Wir kommen dabei in Kontakt mit unserer eigenen Härte, Angst vor Verletzung, Ablehnung, Vernachlässigung oder Sucht und erfahren sehr unmittelbar unsere zutiefst menschlichen Leidprozesse und wie wir uns – und andere! – dadurch andauernd verstricken. Dies wirklich zu erfahren macht uns mit der Zeit weicher und durchlässiger. Wir lernen, uns uns selbst liebevoller zuzuwenden und zu versorgen. Das löst uns mit der Zeit aus unserer Selbstverhaftung. Es öffnet uns für das Leid anderer und lässt ein authentisches universales Mitgefühl in uns wachsen. Selbstmitgefühl ist meines Erachtens der Anfang von profundem universalem Mitgefühl.

 

Die Synonyme des Mitgefühls | © Matt Gibson

Maren Schneider ist Heilpraktikerin für Psychotherapie sowie ausgebildete Lehrerin für Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR) und für die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (MBCT). Seit 2004 leitet sie Meditations- und Achtsamkeits-Retreats. Darüber hinaus begleitet sie Menschen in Umbruchphasen, Stress- und Krisenzeiten.

 

 

ENDE DER LESEPROBE

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