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DBU-Kongress 2016
Leben und Sterben: Buddhistische Perspektiven

 

Ein Nachgespräch mit DBU-Vorstand Gunnar Gantzhorn

 

(1.10.2016/online-red dbu) Das tiefe Geheimnis von Leben und Tod stand im Mittelpunkt des Kongresses der Deutschen Buddhistischen Union, der vom 16. – 18. September 2016 in Potsdam bei Berlin stattfand und an dem rund 400 Besucherinnen und Besucher teilnahmen. Referentinnen und Referenten aus den verschiedenen Traditionen – Theravada, tibetischer Buddhismus, Zen, koreanischer Buddhismus – sprachen über ihr Verständnis vom Lebensende, der Zeit danach und von Vergänglichkeit in allen Bereichen unseres Lebens. Gesellschaftliche Diskussionen um Tod und Sterben wurden ebenso ausgelotet wie buddhistische Perspektiven auf das Thema. Nicht zuletzt wollte der Kongress in Potsdam auch zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Endlichkeit der Dinge anregen. Während des gesamtes Kongresses wurde buddhistische Praxis aus den unterschiedlichen Traditionen für Kranke und im Gedenken an Verstorbene angeboten. Eine Nachlese mit Gunnar Gantzhorn, Vorstand der DBU.

 

„Leben und Sterben“ – warum war es der DBU wichtig, gerade zu diesem Thema einen Kongress zu veranstalten?

DBU-Kongress 2016 (© Tertön Sogyal Trust)

DBU-Kongress 2016 (© Tertön Sogyal Trust)

Der Tod ist vielleicht eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft. Damit einher geht eine fortschreitende Verdrängung von Alter und aus unserem unmittelbaren Lebensumfeld. Stattdessen begegnen wir überall Bildern des ewig jugendlichen Konsumenten. Gleichzeitig spüren immer mehr Menschen, dass mit Ihrem Leben etwas nicht stimmt, dass es ihnen immer schwerer fällt darin einen Sinn zu erkennen.

Aus der Perspektive der buddhistischen Lehren ist dies nicht verwunderlich, denn danach sind wir eingebettet in einen fortwährenden Zyklus von leben und sterben. Die Begegnung mit dem Tod – unsere eigene Konfrontation mit der Tatsache, dass auch wir selbst altern und sterben werden – ist in der buddhistischen Praxis von eminenter Bedeutung, um Fortschritte auf dem Weg zu einem glücklichen Leben zu machen. Tatsächlich war es diese Begegnung mit dem Tod, und die damit verbundene Frage nach dem Sinn des Lebens, die vor 2500 Jahren Siddhartha Gautama so tief bewegte, dass er sein Leben voller Annehmlichkeiten hinter sich ließ, um sein ganzes Leben der Suche nach einer Antwort auf diese Frage zu widmen, bis er schließlich aus der Unwissenheit darüber erwachte und zum Buddha wurde.

Der Kongress zu diesem Thema wollte also neben die Scheinwelt des ewigen Lebens, den unsere Konsumgesellschaft vermittelt, die unausweichliche Realität des Todes stellen, um damit wieder die Perspektive auf Formen eines glücklichen Lebens zu eröffnen, die jenseits der kurzfristigen Freuden des Konsums sind, welche uns letztlich nicht nur unbefriedigt lassen, sondern uns auch der Chance berauben, dem Tod mit Zuversicht zu begegnen.

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Welche Programmpunkte haben besonders viel Resonanz gefunden und warum war das so?

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Gunnar Gantzhorn im Gespräch (© Tertön Sogyal Trust)

In meiner Wahrnehmung waren dies vor allem die Programmpunkte, die sich mit der Sterbebegleitung befasst haben. Dies liegt meines Erachtens daran, dass die größte Lücke in der systematischen Verdrängung von Alter und Tod aus unserem Lebensumfeld die empathische Verbindung mit sterbenden Menschen ist, die uns nahestehen. Hier sind wir dem Tod plötzlich nahe, in derselben Hilflosigkeit und mit denselben Ängsten wie die Sterbenden, aber noch ohne die Gewissheit der Unaufhaltsamkeit des Todes in Bezug auf unser eigenes Leben.

Es ist diese Lücke, durch die in unserer materialistischen Welt die Erkenntnis aufscheint, dass wir nicht gut sterben können, ohne eine Antwort auf die Frage nach dem tieferen Sinn des Lebens, die Gevatter Tod von uns einfordert. Es ist daher naheliegend, dass wir an dieser Stelle mit unserer Suche nach Antworten auf diese „lebenswichtigen“ Fragen beginnen.

 

Gab es auch Programmpunkte, die eher „klein aber fein“ waren, vielleicht gar nicht so sehr viele Besucherinnen und Besucher hatten, aber eben trotzdem in ihrem Anliegen auch sehr wichtig waren?

Tatsächlich war die Teilnahme an den unterschiedlichen Programmpunkten aus meiner Sicht recht ausgewogen. Das ist sicherlich der sorgfältigen Programmgestaltung zu verdanken, die für viele unterschiedlichen Ausgangspunkte Zugänge zu den Themen eröffnete, aber auch einem sehr motivierten Publikum.

 

Welche Vorträge oder Menschen waren persönlich besonders inspirierend?

Als Vorstand der DBU habe ich den Kongress natürlich viel mehr aus der Perspektive des Veranstalters erlebt, als aus der des Teilnehmers. Insofern hat mich vor allem das große Engagement der vielen Helferinnen und Helfer besonders inspiriert!

 

Es ist unglaublich viel Mühe und Arbeit, einen solchen Kongress auf die Beine zu stellen. Was ist daran so wertvoll, dass sich die Mühe lohnt?

Vortrag auf dem DBU-Kongress 2016 (© Tertön Sogyal Trust)

Vortrag auf dem DBU-Kongress 2016 (© Tertön Sogyal Trust)

Der Wert einer solchen Veranstaltung ist auf vielen Ebenen zu finden.

Am offensichtlichsten ist die Inspiration, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Vorträgen und Workshops mitgenommen haben. In dem  sorgfältig geplanten Programm sind viele unterschiedliche buddhistische Perspektiven auf das Thema aufgezeigt worden, und die Referentinnen und Referenten haben den Teilnehmern eine Vielzahl von Anstößen geben können, von denen etliche aufgrund des Themas sicherlich noch lange nachwirken werden. Auf diese Weise haben wir nicht nur viel über das Kongressthema erfahren, sondern auch über die verschiedenen buddhistischen Traditionen, die in der DBU vertreten sind.

Aus der Innensicht der DBU ist darüber hinaus aber auch der Austausch zwischen ihren Mitgliedern von besonderer Bedeutung. Ein solcher Kongress fördert diesen Austausch zum einen auf der Ebene einer inhaltlichen Auseinandersetzung über das Kongressthema, durch die die unterschiedlichen Perspektiven der verschiedenen buddhistischen Traditionen sichtbar werden – in ihren Unterschieden, aber auch in ihren Gemeinsamkeiten. Zum anderen fördert ein solcher Kongress aber auch die persönliche Begegnung und hilft dabei miteinander ins Gespräch zu kommen und die jeweils anderen Traditionen besser zu verstehen.

Besonders intensiv sind beide Aspekte spürbar bei den Freiwilligen, die teilweise über zwei Jahre zusammen diesen Kongress vorbereitet haben. Obwohl alle von Anfang an eine große Offenheit für die gemeinsame Arbeit mitbrachten, waren im Laufe der Vorbereitung doch auch eine ganze Menge an kritischen Vorbehalten gegenüber den jeweils anderen Sichtweisen zu überwinden.

Die Harmonie, die wir alle in der Durchführung der Veranstaltung erleben konnten, war daher nicht einfach nur oberflächlich, sondern sie war möglich, weil sich alle Beteiligten über lange Zeit darum bemüht haben – auch in den Konflikten, die sich durch Meinungsverschiedenheiten auf einem solchen langen Weg ergeben können.

Dass ich von so vielen Helferinnen und Helfern erfahren habe, wie bereichernd sie die Arbeit am Kongressthema und miteinander fanden, ist für mich der schönste Aspekt dieser so gut gelungenen Veranstaltung.

Lesestoff auf dem DBU Kongress 2016 (© Tertön Sogyal Trust)

Lesestoff auf dem DBU Kongress 2016 (© Tertön Sogyal Trust)

 

Der Kongress hat eine eigene Seite, die Sie hier finden: www.leben-und-sterben-2016.de