Heilsame und unheilsame Strukturen in Gruppen – Eine Orientierungshilfe der DBU

Diese Orientierungshilfe richtet sich an alle, die sich mit der Lehre des Buddha beschäftigen und auf ihrem Weg durch eine Gemeinschaft und durch Lehrer begleitet werden. Unsere Motivation zur Formulierung dieser Orientierungshilfe ist das Bedürfnis nach Schutz und Fürsorge für uns selbst, für unsere Gemeinschaften und für alle, die am Anfang des Weges stehen. Klarheit über die eigene Motivation bietet Schutz und Hilfe, Heilsames hervorzubringen und Unheilsames zu vermeiden.

 

@ Ed Schipul

 

Die Gesellschaft, in der wir leben, beruht auf den Menschen- und Grundrechten, die durch das Grundgesetz garantiert werden. Die Ethik, die der Buddha vor 2500 Jahren gelehrt hat, stimmt mit diesen Grundsätzen überein – sie sollten sich daher auch in den Strukturen buddhistischer Gemeinschaften widerspiegeln.

Der Buddha sagt, dass jedem fühlenden Wesen das Potenzial zum vollständigen Erwachen innewohnt. Auf dem Weg, dieses Potenzial zu entfalten, begegnen wir jedoch vielen Hindernissen. Dazu können unheilsame Strukturen in Gruppen gehören, die wir hier näher betrachten wollen.

In jeder vermeintlichen Fehlentwicklung ist auch eine Weiterentwicklung verborgen, solange wir uns erlauben, unsere Situation zu reflektieren und Irrtümer zu korrigieren. Die persönliche Entscheidungsfreiheit kann immer wieder neu gewonnen werden.

In diesem Sinne wollen wir Anregungen zum Nachdenken geben und ermutigen, der eigenen Wahrnehmung und Intuition zu vertrauen und sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Die folgenden Fragen sind als Orientierung für Einsteiger gedacht, sowie als Anregung zur Selbstreflexion derer, die schon länger dabei sind.

 

Für alle Suchenden ist es hilfreich, zuerst die eigenen Erwartungen zu prüfen mit Fragen wie:

• Was suche ich beim Buddhismus?
• Was erwarte ich von einer Gruppe?
• Was erhoffe ich mir von einem Lehrer / einer Lehrerin?
• Sind meine Erwartungen realistisch?

 

Weiterhin können die folgenden Fragen hilfreich sein:

• Was ist meine Motivation auf dem Weg?
• Was fasziniert mich am Buddhismus?
• Beeindrucken mich Heilsgeschichten oder Heilsversprechen?
• Welche Rolle spielen meine Bedürfnisse nach Sicherheit, Geborgenheit, Bestätigung und
Anerkennung?
• Habe ich den Eindruck, die Gruppe genauso einfach verlassen zu können, wie ich in sie
eingetreten bin?
• Habe ich die freie Wahl, Kontakte innerhalb und außerhalb der Gruppe zu pflegen?
• Kann ich Kritik äußern, ohne diskriminiert zu werden?
• Steht in der Gruppe die Lehre des Buddha im Mittelpunkt oder die Lehrenden?
• Sind die Lehrenden qualifiziert durch gründliche Kenntnisse der buddhistischen Lehre und
eigene Erfahrung?
• Bemühen sich die Lehrenden nach der Lehre des Buddha zu leben?
• Sind die Lehrenden und die jeweilige Gruppe in die eigene Tradition eingebettet?
• Gibt es Kontakte und Austausch mit anderen Gruppen und Lehrenden?
• Gibt es eine Bestätigung durch andere anerkannte Lehrende?
• Wird in der Lehrer-Schüler-Beziehung Abhängigkeit geschaffen?
• Welche Rolle spielen Titel, Ermächtigungen und „Aufstiegsmöglichkeiten“ für mich?
• Gibt es in der Organisation finanzielle Transparenz?
• Wird Freigebigkeit in der Gruppe ausgenützt?
• Habe ich mich in finanzielle Abhängigkeit begeben?
• Habe ich über meine Verhältnisse gespendet? Habe ich mich verschuldet? Haben andere in der
Gruppe dies getan?
• Werden in der Werbung oder bei Spendenaufrufen aggressive Methoden angewandt?
• Wird meine Arbeitskraft ausgebeutet?
• Werden sexuelle Beziehungen gefördert, die unheilsame Auswirkungen haben?
• Wird gegen mich oder andere Mitglieder der Gruppe Zwang oder Gewalt ausgeübt?
• Werden auftretende Schuldgefühle ausgenützt und verstärkt oder gibt es Hilfe zur
Überwindung?
• Gibt es Verleumdung, Falschinformationen oder Herabsetzung von Kritikern, Andersdenkenden
oder anderen Gruppen, Lehrenden oder Traditionen?
• Werden andere Lehrende und Übungswege in wertschätzender Weise erwähnt oder
empfohlen?
• Werde ich zu Eigenverantwortung und Selbstachtung motiviert?

 

Zusammenfassend:

Heilsame Strukturen sind gekennzeichnet durch Offenheit – auch für Fragen und Kritik. Die Schüler/innen haben Raum, eigene und auch abweichende Meinungen zu äußern. Sie können das Gelehrte durch eigenes Studium prüfen. Es steht ihnen frei, die Gruppe oder die Lehrenden jederzeit zu verlassen.

Der Buddha hat auf Anfrage den Menschen eine Anleitung gegeben, wie sie prüfen können, ob sie die für sie richtigen Lehrer, Gemeinschaft und Lehren gefunden haben. Er appelliert im Kalama-Sutra an die Eigenverantwortung des Einzelnen:

„Es kommen da, o Herr, einige Asketen und Brahmanen nach Kesaputta; die lassen bloß ihren eigenen Glauben leuchten und glänzen, den Glauben anderer aber beschimpfen, schmähen, verachten und verwerfen sie. Wieder andere Asketen und Brahmanen kommen nach Kesaputta, und auch diese lassen bloß ihren eigenen Glauben leuchten und glänzen, und den Glauben anderer beschimpfen, schmähen, verachten und verwerfen sie. Da sind wir denn, o Herr, im Unklaren, sind im Zweifel, wer wohl von diesen Asketen und Brahmanen Wahres, und wer Falsches lehrt.“ – „Recht habt ihr, Kalamer, dass ihr da im Unklaren seid und Zweifel hegt. In einer Sache, bei der man wirklich im Unklaren sein kann, ist euch Zweifel aufgestiegen. Geht, Kalamer, nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftsgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters! Wenn ihr aber, Kalamer, selber erkennt: ‚Diese Dinge sind unheilsam, sind verwerflich, werden von Verständigen getadelt, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Unheil und Leiden‘, dann o Kalamer, möget ihr sie aufgeben.“
(Aus dem Kalama Sutta, Anguttara Nikara, 3–66)

 

TIPP:

=> Download dieser Orientierungshilfe als PDF

 

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