Auszug aus der neuen Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell

Interview

„Mut geben durch das eigene Dasein“

 

Kirsten DeLeo ist seit vielen Jahren Dozentin für Kontemplative Sterbebegleitung. Beim Kongress der Deutschen Buddhistischen Union zum Thema „Leben und Sterben“ im September 2016 in Potsdam hatten wir die Gelegenheit zu einem Gespräch über ihre Erfahrungen in der Begleitung Sterbender und die Rolle des Vertrauens im Sterbeprozess. Die Fragen stellten Ursula Richard und Ursula Reinsch.

 

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Ein liebevolles Dasein, das nicht urteilt und beurteilt | © Hindemitt | photocase.de

 

::: AUSZUG AUS DEM ARTIKEL

Sie treffen in der Sterbebegleitung auf Menschen mit einem religiösen, einem buddhistischen oder christlichen Hintergrund, aber zunehmend sicher auch auf Menschen ohne spirituellen Hintergrund. Was sagen Sie Menschen, die an nichts glauben? Worauf kann man vertrauen in einer Situation, die vielfach von Angst und existenzieller Unsicherheit begleitet ist?

Ich habe es noch nie erfahren, dass jemand an gar nichts glaubt. Vielleicht nicht so, wie wir uns das jetzt vorstellen: Gott oder Buddha oder Jesus, Maria, Bodhisattvas oder Heilige. Aber viele Menschen glauben an die Natur – meine Großmutter zum Beispiel: Sie hat an nichts Traditionelles geglaubt, aber sie sagte: „Kirsten, ich weiß, ich lebe in der Natur weiter, im Baum, in der Wolke. Ich lebe auch in der Liebe, die ich gegeben habe, also in den Menschen weiter.“

Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, und diese durch Zuhören herauszufinden ist sehr wichtig. Begleitung besteht ganz oft aus viel, viel, viel und immer noch viel mehr Zuhören und daraus – ganz wichtig –, den anderen Menschen dabei auch sein zu lassen. Das merkt der andere: Er darf so sein und er darf auch seine ganzen wilden Ideen erzählen. Und da einfach nur zuhören. Dann kommt, das habe ich schon oft erlebt, die innere Weisheit eines Menschen zum Vorschein. Es sind manchmal ganz erstaunliche, sehr berührende Dinge, die Menschen so denken.

::: WEITERLESEN VON DER STARTSEITE Ich habe oft Menschen begleitet, die Atheisten waren, an nichts geglaubt haben, aber meist war dann doch etwas – ein Funke, das Vertrauen: „Ich habe ein gutes Leben gelebt.“ Und das ist ja auch eine Zuflucht, eine Kraftquelle: „Ich habe es richtig gemacht und die Dinge, wo es falsch gelaufen ist, die habe ich wieder geradegebogen.“ Das ist ja eine Meisterleistung, dies zu sehen und wertzuschätzen und wirklich zu feiern. Und wir Begleitende sind da, um das zu bezeugen – darin liegt eine ganz große Kraft.

Manchmal verfallen Menschen in diesem Stadium auch in Depressionen, in tiefe Verzweiflung und existenzielle Lebensängste tauchen auf. Das ist ganz normal, und es ist für die Begleitenden dann immer wieder die größte Herausforderung, nicht selbst in die Angst oder Verzweiflung zu gehen, nicht die Angst oder Verzweiflung zu nähren, sondern dem anderen zu spiegeln: Du bist nicht nur deine Angst, du bist nicht nur die Verzweiflung, auch in diesem Moment ist immer noch eine Ressource da. Guck mal, da ist auch noch ein Mensch bei dir, der nicht wegläuft. Dem anderen Mut geben durch das eigene Dasein.

Also einen Raum schaffen, in dem alles sein kann und gleichzeitig beide Personen dabeibleiben.

Ja, vorurteilslos, einfach ein liebevolles Dasein, das nicht urteilt und beurteilt. Ganz viele Menschen haben das noch nie erfahren, das ist völliges Neuland für sie. Anfänglich kommt dann oft ein Misstrauen: Kann ich dem wirklich trauen? Dann wird man auch getestet. Ich habe oft erlebt (lacht), dass Menschen mir mit Wut oder mit Abneigung begegnet sind oder mich aus dem Zimmer geschickt haben. Für sie war wichtig zu sehen, ob ich immer noch verbindlich da bin. Ja, ich bin trotzdem noch da. Man kann mich auch hundertmal wegschicken, ich komme immer noch mal wieder (lacht). Und daraus entwickeln sich eine Beziehung und ein Vertrauensverhältnis, und das ist für viele Menschen neu.

Ich habe oft erlebt, dass Menschen mir mit Wut oder mit Abneigung begegnet sind oder mich aus dem Zimmer geschickt haben. Für sie war wichtig zu sehen, ob ich immer noch verbindlich da bin. Ja, ich bin trotzdem noch da.

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Wir alle tragen die Kraft in uns selbst | © Frank Mckenna | stocksnap.io

 

Ein bedingungsloses Dasein.

Das ist schön gesagt! Ein bedingungsloses Dasein, das ich manchmal auch „radikale Akzeptanz“ nenne. Es ist so heilsam, was die Hospizhelferinnen und -helfer und alle Haupt- und Ehrenamtlichen da tun, auch in der Palliativbegleitung. Es ist eine große Leistung, für einen anderen da zu sein.

Ein Vertrauensverhältnis zwischen dem oder der Sterbenden und der Begleitung spielt also eine fundamentale Rolle.

Es spielt eine sehr große Rolle. Aber es ist auch wichtig, zu sehen, dass es nicht um den einzelnen Begleitenden geht. Sonst ist die Gefahr groß, dass man meint, zum Retter werden zu müssen. Bei dieser Dynamik muss man genau hinschauen und erkennen: „Ich bin nicht der Messias, der am Bett sitzt. Ich kann dich nicht retten. Du rettest dich selber, und du machst es gut.“ Also die Kraft immer wieder der anderen Person geben, damit sie diese Kraft auch in sich selbst findet. Jeder hat sie, wir alle haben sie – es wird uns nur oftmals nicht zugetraut, dass wir sie haben, oder uns fehlt das Vertrauen, dass auch wir sie in uns finden.

ENDE DER LESEPROBE

„Ich bin nicht der Messias, der am Bett sitzt.
Ich kann dich nicht retten.
Du rettest dich selber, und du machst es gut.“

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Übergang in eine neue Phase des Seins | © Hartwig HKD

 

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